Geschichte
Die Traumatherapie unterliegt einem wechselnden Rhythmus von Wiederentdecken und Verdrängung. Bei massenhaftem Auftreten von Traumatisierungen wurde das Thema jeweils akut. Danach ist es selbst in Fachkreisen wieder vergessen worden. In der heutigen Literatur wird wiederholt auf Jean-Martin Charcot und seine Erforschung der „Hysterie" im Paris des ausgehenden 19. Jahrhundert hingewiesen. Danach erlangte das Thema infolge der Weltkriege erneut Aktualität. Kriegsneurosen wurden am Tavistock-Institut erforscht, von Bion wurde dort die Gruppenanalyse entwickelt. In den 70er Jahren erfuhr die Traumaforschung und ihr folgend die Traumatherapie einen neuen Aufschwung durch die Vietnam-Kriegsveteranen. Impulse zur Weiterentwicklung kamen auch von der Beschäftigung mit Spätfolgen und generationsübergreifenden Folgen des Holocaust, aus der Frauenbewegung zu den Themen sexueller Missbrauch, Vergewaltigung und häusliche Gewalt sowie aus den psychosozialen Zentren für Flüchtlinge zu den Folgen von Folter, politischer Verfolgung, (Bürger)krieg und Zwangsprostitution. Neuerdings wird das öffentlich Interesse auch durch die mediale Verbreitung von Katastrophen wie dem Zugunglück in Eschede 1998, dem Anschlag auf das World Trade Center 2001, der Tsunamikatastrophe in Asien 2004 oder bei Opfern von Entführungen auf die Folgen von Traumata gelenkt. Dabei wurde festgestellt, dass die gehirnphysiologischen Prozesse und die Symptome der Traumatisierung ähnlich sind, egal ob das Trauma im Schützengraben, bei einem Autounfall oder durch eine Vergewaltigung erlitten wurde.Dies gab der heutigen Traumatherapie eine breitere Basis und allgemeine Bedeutung.
TIPP
Zum Thema Geschichte des Traumas finden Sie eine umfangreiche Beschreibung in dem Fachbuch "Traumatic Stress" von Bessel A.van der Kolk,Alexander C.Mc Flane und Lars Weisaeth (Junfermann)
Ein Auschnitt zusammengefasst
Im Jahr 1980 wurde die Diagnose der Posttraumatischen Belastungsstörung von der APG (amerikanische psychiatrische Gesellschaft ) in ihr Krankheitsklassifikationssystem DSM-III aufgenommen. Als Diagnose wurde sie dann in den 90er Jahren in das internationale
Krankheitsklassifikationssystem ICD 10 der WHO (Weltgesundheitsorganisation) aufgenommen.
Die PTBS ist ein Ergebnis aus einem Komplex von physiologischen, psychologischen und sozialen Prozessen. Die wichtigsten Merkmale eines Betroffenen besteht oft aus einem fehlenden Erinnerungsvermögen, aus Vermeidungen und Erregungszuständen, sowie eines aus dem Gleichgewicht gebrachten Menschen, welcher unfähig ist, die realen Erfahrungen zu bewältigen und der seine Stabilität und seine Würde verloren hat. Für eine Anpassung des oben genannten Komplex muss eine ganzheitliche Widerherstellung erlangt werden.
Gesellschaft und Psychiatrie damals
Frühere Opfer des Krieges wurden als Parasiten bezeichnet, die als schwache Mitglieder der Gesellschaft eine Belastung auf Kosten anderer darstellten. Sie wurden aufgrund dessen als Opfer nicht anerkannt und in Folge dessen auch nicht entschädigt. Die Psychiatrie selbst litt unter einen eigenen Amnesie, nämlich die Glaubwürdigkeit der Opfer eines Traumas zu integrieren. Frühere Krankheiten wurden meistens den organischen Ursachen zugeschrieben. Einzelne Ärzte und Psychiater gaben jedoch dem psychischen Trauma eine große Bedeutung, wie der Psychiater Briquet, der Arzt Page, Psychiater Siegmund Freud, der Neurologe Jean-Martin Charcot, der Neurologe Hermann Oppenheim, Pierre Janet, der Militärpsychiater Charles Samuel Myers.
In den Kriegsjahren (Hysterie) war die posttraumatische Bealastungsstörung eine Krankheit des Willens. Aus politischen Gründen wurde diese als medizinische Diagnose während des ersten Weltkriegs und der nachfolgenden Jahrzehnten in ein Versagen der Willenskraft der Soldaten umgeformt.E s wurde eine schmerzhafte Willenstherapie mit physiologischen Maßnahmen durchgeführt (Gesundungswillen).Viele Soldaten zogen es deshalb vor, ihre Pflicht an der Front vorzuziehen und somit wurden diese als geheilt bezeichnet. Diese Methoden trugen zu den Ursprüngen des zweiten Weltkrieges (Hitler) bei.
Der Schweizer Psychiater Edouard Stierlin war der erste wissenschaftliche Erforscher der Katastrophenpsychiatrie. Er stellte Verbindungen zwischen starken Emotionen und der Angstneurose her und benannte die Auswirkungen langfristiger psychischer Problemen und das die posttraumatische Störung keine Simulation sei, sondern eine ernsthafter Komplex aus physiologischen,psychischen und sozialen Problemen.
Der Psychiater Bonhoeffer betrachtete die traumatische Neurose als soziale, erblich bedingte Krankheit, die mit sozialen Mitteln geheilt werden musste. Der Grund für die Ursache lag demnach im sekundären Krankheitsgewinn. Die traumatische Neurose wurde also nicht als Krankheit, sondern als Rentenneurose bezeichnet, die unheilbar sei. Das Ergebnis war demzufolge ein schlechtes Behandlungsergebnis. Die Neurosen sollten also nicht entschädigt werden.Selbst heute noch ist die Entschädigungspraxis eine schwierige Angelegenheit.
In 1989 wurde das Werk Janets wiederentdeckt (van der Kolk & van der Hart &Friedman,sowie Putnam & Nemiah).
Der Psychiater Abram Kardiner behandelte zunächst traumatisierte US- Kriegsveteranen. Er beendete die Analyse nach Freud. Kardiner hat am meisten zur Definition der Diagnose Posttraumatische Belastungsstörungen beigetragen. Seine praktische Arbeit wurde allerdings verworfen. In Amerika wendeten sie seine Arbeit jedoch an.
Unterschiedliche bedeutsame Bewegungen zu diesem Thema kamen aus Amerika.Autoren wie Sandor Ferenczi oder Roy Grinker,Psychoanalytiker Henry Krystal, eigene Betroffene (Frauen und Kinder), Ann Burgess und Linda Holstrom (Bosten City Hospital), Kempe und Kempe, Judith Herman, Mardi Horowitz, sie alle leisteten ihren Beitrag zur Erforschung, Anerkennung und weiteren Impulsen der posttraumatischen Belastungsstörung.
Nach dem zweiten Weltkrieg entstanden ausführliche Studien über die Überlebenden des Holocausts und anderen schwerwiegenden Traumen. Wissenschaftler (waren oft selbst Opfer) prägten den Begriff „Konzentrationslagersyndrom“ und „Kriegsmarinesyndrom",welche die Symptome der PTBS, sowie die einer Persönlichkeitsveränderung umfasste.
1980 wurde die PTBS dann in den DSM-II aufgenommen. Es gab jedoch ursprünglich Differenzen zu der späteren endgültigen Definition der PTBS. Diese Diagnose war die Zusammenstellung von Symptomen anhand von Literaturstudien, Krankenblättern und politischen Vorgehen, jedoch nicht anhand von Analysen des Symptombildes eines Patienten.
Eine andere Gruppe von Wissenschaftlern und klinischen Psychiatern erstellte im Rahmen der Entwicklung des DSM-III ein diagnostisches System von dissoziativen Störungen, unabhängig von der PTBS. Eine Verbindung beider Modelle wurde aber nicht anerkannt.
Nach zahlreichen weitere Forschungen und Untersuchungen konnte man feststellen, das die PTBS die weit verbreiteste psychiatrische Störung darstellt.
Die Vulnerabilität, was Wunde „Verwundbarkeit“ oder „Verletzbarkeit“ heißt spielt bei der Entstehung der PTBS eine große Rolle.
Der Begriff Komplexe PTBS (engl. Complex PTSD) wurde für dieses Krankheitsbild erst 1992 von Judith Hermann eingeführt.
Bessel A. van der Kolk, Alexander C. McFarlane, Lars Weisaeth (2000): Traumatic Stress. Paderborn. Junfermann