Krankenkassen

 

Veränderungen kann man nur Schritt für Schritt einführen!

Die BKK Salvina ist eine Krankenkasse nur für Frauen. Die Kasse bietet eine Zuzahlung von Gewaltpräventionskursen bis zu 80 % an.

Eine nette Neuerung im System der Krankenkassen, zumindest dem Thema allgemein mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Allerdings reagiert Werner Wedig nicht auf meine Anschreiben.

Ein Interview auf Gesundheit Vital mit Werner Wedig

Frauengesundheit ist anders als Männergesundheit. Diese Ungleichheit ist zu einem Teil auf biologische Unterschiede zurückzuführen. Vielmehr aber sind unterschiedliche Sozialisationsbedingungen, ein differenter Umgang mit dem eigenen Körper sowie unterschiedliche Lebens- und Arbeitsbedingungen Faktoren, die die Gesundheit und auch eventuelle Krankheiten von Frauen beeinflussen können. Die salvina hält es daher für gesundheitspolitisch notwendig, diese schon seit Jahren bekannten Erkenntnisse konzentriert und spezifisch anzugehen. Die Zeit für eine Frauenkrankenkasse war einfach reif.

Seit Einführung des Gesundheitsfonds zum 01.01.2009 kosten alle gesetzlichen Krankenkassen dasselbe. Die Leistungen, die gesetzlich Versicherte für den einheitlichen Beitragssatz in Anspruch nehmen können, sind zu gut 90 Prozent festgelegt. Warum also noch eine Krankenkasse?

Werner Wedig: Bei vielen Krankenkassen bleiben wichtige Gesundheitsziele, insbesondere die von Frauen, auf der Strecke. Die salvina richtet sich mit speziellen Gesundheitsleistungen wie z.B. verbesserte Früherkennung bei Brust- und/oder Eierstockkrebs, verbesserte Osteoporosebehandlung, Schulungen bei Schwangerschaftsdiabetes, Projekte zur Gewaltprävention etc. explizit an Frauen. Wichtig ist uns auch die Weiterentwicklung im Rahmen unserer Philosophie der Kooperation und Partizipation. D.h., neue Versorgungsformen werden nicht am grünen Tisch, sondern unter Beteiligung der Betroffenen entwickelt. Dazu greifen wir die Anregungen und Forderungen von z.B. Selbsthilfegruppen, Patientinnenverbänden,
medizinischen Fachgesellschaften usw. auf. Wo sind hier die Betroffenen selbst?

Hinzu kommt die Tatsache, dass wenn der Wettbewerb um die beste Gesundheitsversorgung in Deutschland politisch gewollt ist, Krankenkassen auch die Freiheit haben müssen, die „beste Versorgung“ für ihre Kundinnen und Kunden zu organisieren. Als neue gesetzliche Krankenkasse für Frauen fordert salvina deshalb für ihre Versicherten radikale Veränderungen des deutschen Medizin- und Versorgungssystems!

Welche Veränderungen im deutschen Medizin- und Versorgungssystem fordert die salvina konkret?

Werner Wedig: Mit unserem Wissen um die besonderen Bedürfnisse von Frauen, will die salvina die Grenzen der herkömmlichen Aufgabenteilung im Gesundheitswesen aufbrechen und neue Angebote und Formen der Gesunderhaltung, der Krankheitserkennung und Krankheitsbewältigung entwickeln. Unser wichtigstes Ziel ist es, sensibel zu machen und zu verhindern, dass Schwankungen des Leistungsvermögens von Frauen, natürliche Körperveränderungen oder schlicht eine falsche Deutung von Befindlichkeiten einen – von vielen Interessensgruppen gewünschten – Krankheitswert erhalten. Es ist nicht einzusehen, dass in der Gesetzlichen Krankenversicherung 170.000.000.000 € relativ unkritisch für die Behandlung von Krankheiten und Pseudokrankheiten ausgegeben werden und gleichzeitig so wenig darüber nachgedacht wird, Krankheiten zu vermeiden.

Werner Wedig: Für den Bereich der Frauengesundheit ergeben sich daraus drei zentrale Forderungen der salvina:

1. Erhöhung der Ausgaben für Gesundheitsförderung von 10 Mrd. € auf 17 Mrd. € pro Jahr (entspricht 10% der Ausgaben der GKV)

Frauen sind sehr an einer vorbeugenden Gesunderhaltung interessiert. Nach Auffassung der salvina gibt es gerade bei den sog. „frauentypischenKrankheiten“ wie Essstörungen (Anorexie, Bulimie, Adipositas), psychischen Erkrankungen (Erschöpfung, Depression), Osteoporose, Wechseljahresbeschwerden aber auch bei nicht erkannten Folgen sexueller Gewalt gute Möglichkeiten, Krankheiten zu vermeiden und eine teilweise an Körperverletzung grenzende Medikalisierung von Frauen zu verhindern. Der Trend zur Pathologisierung von Frauen muss gestoppt werden.

2. Einführung eines Qualitätsnachweises bei Diagnosestellung und Behandlungsempfehlung. Der ärztliche Erstkontakt muss mindestens 15 Minuten dauern.

Die salvina fordert von den Hausärzten und Frauenärzten, die 90% der Erstkontakte bei Frauenbeschwerden haben, sich „Zeit zu nehmen“. Gerade Frauen suchen das Gespräch und sind auch (anders als Männer) bereit, an der Befunderhebung und Interpretation des Befundes aktiv mitzuwirken. Frauen wollen zudem selbst bestimmen, welche Therapieempfehlung oder Behandlungsalternative für sie die Richtige ist. Dabei bevorzugen Frauen oftmals alternative und sanfte Heilmethoden, wenn sie denn angeboten werden.

3. Verstärkung der öffentlichen Aufklärung durch Schaffung einer neutralen Informationsplattform für die Weiterentwicklung einer frauenzentrierten Versorgung.

Die öffentliche Information über die Defizite in der frauenbezogenen Versorgung ist nach Auffassung der salvina völlig unzureichend. Insbesondere die unüberschaubare Vielfalt von dogmatischen, ökonomischen und zwangsläufig gegensätzlichen Partikularinteressen ist inakzeptabel. Frauen können zu Recht eine wissenschaftlich differenzierte und interessensunabhängige Information erwarten. Nach Einschätzung der salvina sollten z.B. solche Organisationen wie die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung (BZgA) viel stärker als bisher ihre sehr guten Expertisen veröffentlichen und die Diskussion dazu kritisch begleiten. Die erforderlichen Mittel müssen bereitgestellt werden.

Bislang ist die salvina nur in drei Bundesländern zugelassen. Sehen Sie Chancen auf eine bundesweite Öffnung?

Werner Wedig: Natürlich ist unser Ziel, eine bundesweite Öffnung zu erreichen. Unter den Bedingungen des Gesundheitsfonds mit einheitlichem Beitragssatz halten wir deshalb die Vorschriften des Sozialgesetzbuches zu den regionalen Kassenzuständigkeiten und Begrenzungen für obsolet, unnötig undwettbewerbsfeindlich. Dies muss jetzt geändert werden. In naher Zukunft sollte jede interessierte Frau in ganz Deutschland von dem speziellen, frauenspezifischen Gesundheitsangebot der salvina profitieren können!

Weitere Informationen finden Sie unter www.salvina.de